„Wir sind ja nicht aus Zucker“ Cannes 2011!!!

Cannes

Wir flogen erst nach Nizza. Dann mit dem Flughafenbus zum Bahnhof in Marseille, wo es nur Zeit gab die lange Treppe voller Jungs runter/hoch zulaufen. Diese weissen Stufen, die in die schwarze Altstadt mit Moscheen, Buchläden, Transvestiten, ZidanePlakaten und zu leichten Mädchen, die in dunklen Kellern sitzen, führen. Im Flughafenbus sagte der Busfahrer: Bin ich Zidane? Kann ich fliegen?

Unser Film lief auf dem unterirdischen riesigen Messeareal voller Monster, Sex, Hongkong- Eceterazeug im Keller des grossen Palastes am Meer. Er wurde von Männern in gut sitzenden Anzügen und Stöpseln im Ohr, mit höflichen schnellen Bewegungen ihrer kräftigen, auf schwere Arbeit, tödliche Kaempfe oder wilden Sex trainierten Körper bewacht. Auf ihren frisch ausrasierten Nacken, die die Grenze zwischen Sonne und Nacht zeigten, zogen dünne Kabel bewegungssynchron hin und her. Es war flüssiger Luxus sich morgens von ihnen in die Tasche gucken zu lassen. Der Film (Sandrines Film!, den ich mit ihr zusammen geschnitten oder im Berliner Winter zusammengebaut hatte…) ist ca 17 Minuten lang und handelt von mehreren kleinen Mädchen in einem Kindergarten die sie sich um einen Lippenstift aus Kaugummi streiten. Das Panorama von Menschlichkeit, das sie dabei zeigen, liess uns uns auf keiner GlitzerParty oder Vorstellung in den monumentalen Kinopalaesten, fehl am Platz fühlen. Wir assen Pizza mit der Leiterin eines kanadischen FrauenFilmFestivals, die auf einer einsamen Insel wohnt und von der Einsamkeit und Kaelte erzählte. Wie sie jedes Jahr im Frühling ausflippe vor Trauer und Dunkelheit. Wie es sei, dann hier in dieser sonnigen Menschenmenge an zu kommen und all lichtgetränkten Filme zu sehen. Sie erinnerte mich in ihrer coolen, weltgewandten Art an meine Großmutter, die, als ich mit ihr zu tun hatte auch in diesem, meinem Alter, also Ende 40 und sehr schön war. Eine unabhaengige, typische Inselbewohnerin in der Kälte, Nordsee. La mere, oder les Mare?

Die Strassen hier, besonders die direkt am türkisenen Überfluss der in weichen Wellen beständig auf uns zusauste, standen ständig voller Menschen in Abendgadrobe. Sie wollten alle irgendwo rein. Oder gingen dann lieber doch nicht, aber ärgerten sich darüber sofort schwarz. Es schien wahnsinnig schwer zu sein, Karten für: „egal was“ zu bekommen. Die Reichen wollten sich vielleicht auch mal als französische Araber fühlen. Sie brauchten dafür einen Ort, wo Geld nicht ausreichte. Wir hatten eine Künstlerakkreditierung und konnten in jeden Film gehen. Einfach so, an all den Leuten in teuren Glitzerklamotten vorbei. Wir konnten uns auch sehr einfach Karten holen. An einem von nur fünf Countern gab es trotzdem kein Gedraenge (bei der Berlinale sind es 100 oder so). Ein schöner Herr hinter dem Tresen fragte ob ich..? Ein italienisches Modell aus den 80zigern sei. Ich wäre ihr sehr ähneln und hätte auch solche schöne Augen. Er sei großer Fan von mir (die ich nicht war…). Er glaubte einfach, dass ich sie war, also nicht ich. Vom Alter her würde es genau passen. Ich ging dann vor Freude erst einmal zweimal durch die Sperre der Security Männer hin und her. Sie betasteten mich ganz leicht und schnell und blickten kurz an meinem Gesicht vorbei.

Sass im Kino im Film eines Freundes um plötzlich Wort für Wort aus dem Mund eines deutschen Schauspielers zu hören, was ich um meine Amour Fou zu überleben, als Definition für “Liebe” ihm gegenüber benutzt hatte. An mehreren Stellen, mehrmals hörte ich meine privaten Worte… Es war mir wichtig gewesen, dass mein Freund verstünde was ich fühlte… Es ist sinnlos. Bauen hilft. Stark ist schwach. Die Kunst ist frei. Trotzdem war das ein schrecklich ausgesetztes Verratgefühl. Dann Kaffee, Sonne, noch zwei Filme und abends zu der Party für den Film mit der geklauten Liebe an den Strand, der voll war voller hektischer, betrunkener Menschen. Alle wollten wieder irgendwo rein und keiner wusste wieso. Da die meisten Leute auf der “Croissette” natürlich keine Filmemacher oder Leute waren, die davon, also von diesem mühseligem: irgendwo „Reingehen“ und die richtigen Leute treffen, in irgendeiner Weise profitiert hätten, verschlang sich die Menge in brennenden Wichtigkeiten selbst. Wieder an den Kickboxern vorbei, oder durch sie hindurch. Langsam gewöhnte ich mich an sie. An ihre Schönheit und Verletzlichkeit darin. Sie waren wie wir. Sie waren wie Waren. Ich fragte sogar einen nach Feuer.

Ein paar Teile des Strandes waren nicht abgesperrt. Dort lagen betrunkene Paare. Croisette: Was heisst das eigentlich? Hintern oder Mundspitze? Dann traf ich tanzend einen Mann, den ich noch aus der Hafenstrasse gekannt hatte, damals ein dreckiger Junge, schwarz, wild mit Irokesenkopf. Ein junger Negerkalle, völlig skrupellos, weil zu leidend, zu verrückt einfach. Jetzt war er Produzent von 3d TanzFilmen und immer noch, aber kontrollierter, völlig durchgeknallt. Ich sagte: Wie schön, dass du überlebt hast! – Ja, freu mich auch total dich hier zu sehen! Wir verabredeten uns für das normale Leben. Nachts auf dem kleinen, vollen Busbahnhof Gespräche mit alten Mädchen, die jedes Jahr herkamen: -…for the Partys u know?… -no, I don´t know, Parties?……… eine hatte ganz dünne, blonde Zöpfe, bunte Blockabsaetze.

Im Appartment ankommen und sich auf bröselige Schaumblöcke, die die Nacht über hin und her bewegt werden würden, legen. Aah… tiefer Schlaf, Träume vom Meer. Das Meer lag vor der Tür grossartig, wellenbewegt, sofort ganz tief und voller glänzender Fische. Auf deutsch: nicht ernstzunehmen in seiner strahlenden Sommerschönheit. Wobei „ein Meer ernst nehmen” sich für mich an der Angst und Spannung misst, empfunden auf einer im Schneesturm, zwischen dicken Eisplatten schwankenden Fähre. Dort zusammen mit meiner dünnen und immer sehr praktisch angezogenen Großmutter. Wir fuhren oft stundenlang durch die tosende, graue Nordsee spazieren. Um ihre Insel herum, zum Eis essen oder zur Nachbarinsel ins Walmuseum. Ihre von mir erinnerten Lieblingssätze: „Wir sind ja nicht aus Zucker! Mach mal deine Jacke zu/auf. Toller Sturm oder?“

Sandrine und ich wohnten in Cannes in einer umgebauten Garage. Es stank nach Haartönung, Schimmel und KlarLack. Das vergiftete Gefühl verschwand jeden Morgen mit dem Geruch aus unseren Kleidern, auf dem Weg hinunter zu den Kinos am Strand. Eines Morgens passierte mir auf der sonnigen Strasse das Schlimmste was einem als Dokfilmer passieren kann. Telefongespräche mit weinenden Protagonisten meines/ihres anderen, gerade in Deutschland ausgestrahlten Filmes. “So hätten sie sich das nicht vorgestellt.” Ich weinte sofort mit/los. Dachte, dass ich einfach neben ihnen hätte sitzen sollen und mich nicht hier waehrend der ersten Ausstrahlung bei der letzten Absperrung zwischen Kickboxern und großen Filmen hin und her hätte treiben lassen dürfen. Sie waren so emotional, deshalb hatten wir uns ja ausgesucht und in diesem Lebenssturm eine Form, einen Film gebaut. Es war eine Vereinbarung gewesen, eine schwankende Sicherheit. Sie würden später stolz sein. Ich weinte trotzdem lange. Immer diese blöden Konjunktive.

Die Leinwände des Tages reichten bis zum Horizont. Es war monumental, monströs Nahaufnahmen: Gesichter oder Hände auf ihnen zu sehen. Von schnellen Schnitten wurde uns schlecht. Das Meer wackelte von Weitem. Nahe, zu salzig, stark und der Sand so körnig. Es gab keine Zeit sich daran zu gewöhnen. Es gibt sie nie. Ich versuchte nach jedem Kinobesuch zu schwimmen. Wollte am Strand schlafen. Es war zu voll. War schwer sich den listenreichen Odysseus auf diesem Meer in Gefahr vorzustellen.

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