PullOver

Katrin Eissing-Letzter Tag im See

Die nächste Ganszeitung folgt der Vogelfluglinie über die Ostsee. Sie handelt von Seefahrt, Sex, Einsamkeit und ihrem Gegenteil (Sprache?)
Kleine Buchstaben in rechtwinklige Lücken rücken. Einen grossen Teil meines Lebens wollte ich nicht einmal versuchen der Welt mit Sprache zu kommen. „Nur das Ausschließen der anarchischen Gefühle ist ja Zweck dieser Zurichtung!“ dachte ich so. Dabei leiert Sprache und Schreiben die Ränder des Ausdrückbaren ja nur etwas aus, wie man das auch an einem eingelaufenen Pulli tut, dessen Farbe zu schön zum Wegschmeissen ist:… zieht und dämpft die Kanten des alten Pullis länger, knirschend. Organische Reparaturen. Wie tüchtig und versunken Kinder sowas tun: Puppenbeine an hohle Körper quetschen, oder Halsausschnitte lang zerren. „Sex“ ist ein kurzes Wort, das einen Mangel umkreist als die Milchstrasse und positiv: „Sachen die mensch nicht so gut allein machen kann“ (wie Sprechen), heisst. Nur drei Buchstaben und trotzdem erscheint gleich so ein InformationsGewebe. (1.) Ein Pullover ist ein Bild der Seele, wie meine Freundin Marinka es nach Nächten, in denen sie für „die Berliner Menschen“ Reden hielt, benutzte. Sie ist Schauspielerin und hielt viele schöne Reden auf nassen löchrigen Plätzen, zumeist über den Himmel. Endless skies und: beyond and beyond. Liebesfähig wie Antimaterie, eine russische Dichterin oder Göttin warf ihr dünner Körper sich schützend vor verlaufene Katzen. Das auf Alleen, Prenzlauer, Schönhauser usw. den Hauptverkehrsadern im Norden Berlins, 90ger also Katzenbuckel-Kopfsteinpflaster. Einmal wurde sie nach so einer Aktion von der Polizei (2.) an den Stadtrand gefahren und aus dem Streifenwagen ins Beifußgestrüpp geworfen. Sie war noch zarter, betrunken  und voller dicker blauer Flecke auch im Gesicht, als ich sie ein paar Tage später traf. Auf meine erschrockenen Fragen: Wer war das? Was ist passiert? sagte sie leise: „Meine Seele war ja schon viel zu eng geworden… weisst du… wie so ein eingelaufener Pulli.“ Ich weiss nicht wo sie jetzt ist. Vielleicht St Petersburg. (3.)

  1. ….s.a.: Informationsspeicherung von Pflanzen in der Homöopathie.
  2. Sie sollen nicht so einfach davonkommen. Die zwei Polizisten die eine Göttin schlagen. Was schlagt ihr vor???
  3. Gestern war ich auf  einer Feier. Es war so…, dass ich das Gefühl hatte, mein Leben zu verfehlen. (wieso? All diese Jahre…der Titel eines russischen Liedes, dass gesungen wurde.)

Jahre später sah ich Marinka in einem Hotel, in dem ich in Vietnam unter einem riesigen, lauten Propeller (Apocalypse…NOW) lag, auf der Scheibe eines alten Fernsehers wieder. Sie war jung, viel jünger als in Berlin und humpelte. In dem aufwendig produzierten, sowjetischen Spielfilm spielte sie Rosa Luxemburg. Der Film heisst auch so.

Ein Gedanke zu “PullOver

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