Reise an der Oder entlang

neues-ereignis-0

Über sieben Brücken musst du gehen

Wer wissen will wie der Sozialismus aussehen könnte, kann sich mal Schwedt-Oder

ohne: das „Oderzentrum“ mit „Kaufland“, „Kik“ und „hier neu“,

aber mit:

Theater am Hang eines Flusstales der alten Oder und mit freundlichen, fremdsprachigen Nachbarn im Garten…

vorstellen.

…deutscher Gesang mit russischem Akzent, ziehen uns quer über den Parkplatz zu einem Plätzchen unter Platanen auf dem etwas dicke Frauen begeistert und elegant umeinender herum tanzen.

„Die grosse Stadt, lockt mit ihrem Glanz, mit schönen Fraun, mit Musik und Tanz, es ist nie zu spät, komm entscheide dich, dreh dich mal um, Tränen lügen nicht.“

Die Frauen lachen glücklich mit ihren Freundinnen. Männer sitzen um sie herum und warten darauf, dass sie sich das auch trauen. Ein Gruppe meist blonder und wahrscheinlich deutscher oder jedenfalls deutschrussischer Kinder bemalt sich gegenseitig die Gesichter. Sie bereiten sich darauf vor „die Geschichte vom Maulwurf, der beim Fussball ausgeschlossen wird, weil er nicht so gut sieht“ zur Vorführung zu bringen. Mein: „Das ist doch sicher ziemlich heiss in den dicken Fellen“ erntet müde Blicke. Die Geschichte endet für den Maulwurf gut, weil alle ihre Meinung ändern und jedes Tier verschieden ist. Hinter der Kindertheatergruppe spielen andere und ausschliesslich schwarzhaarige und dunkelhäutige Kinder Fussball. Lieblingsmannschaften: Real Madrid, Galata Serail, Barcelona, Brasilien. Wieso spielen die deutschen Kinder nicht mit? „Es können nicht immer alle mitspielen. Manchmal spielen wir auch zusammen.“ Zwei Polizisten wippen schattengesprenkelt mit den Füssen. Sie stehen hinter einem der dicken Bäume auf dem Festplatz, als suchten sie Halt, oder auch um ihre Uniformen nicht so leuchten zu lassen. „Hier ist ja ganz schön was los“ sag ich. Sie antworten: „Heute sind in der ganzen Stadt Feste, deshalb ist es hier nicht so voll.“ Und meinen ausserdem, dass sie hier auf dem „Fest der Immigration sind.“ Es heisst aber doch wohl: Fest der Integration“ steht jedenfalls auf einem Schild. Schwedter zu Flugscharen. Das „kleine Bistro“ hat eine Französin mit ihrem deutschen Freund und dem Erbe ihres Schwedter Onkels aufgemacht, ist auf einem Aushang in der Fensterscheibe zu lesen. „Ich habe hier viele nette Leute kennengelernt, aber vermisste doch ein Kino mit einem guten Programm.“ Schade, jetzt ist sie weg. Den guten Apfelsaft aus einem der zahlreichen Biohöfe der Gegend gibt es aber noch. Die Hersteller kommen ohne Kino aus. Vielleicht gibt es ja auch bald mal eines. In Hanoi gibt es jetzt schon Zwei.

„Sag‘ doch selbst:
Was wirst du anfangen mit deiner Freiheit,
die dir jetzt so kostbar erscheint?


Wie früher mit Freunden 
durch Bars und Kneipen ziehen, hm?

Und dann, wenn du das satt hast, glaubst du, das Glück liegt auf der Straße
und du brauchst es nur aufzuheben, hm?


Nein, nein, mein Freund.“

auf dem Fest der Integration/Immigration von dem Russen gesungen im Europäischen Hugenottenpark von Schwedt. Wie in der Gegend üblich, sieht man nach 10 Schritten eine Brücke. Ich mag auch die Mischung in den ostdeutschen Städten, zwischen Platte und Altstadt gern. Das hat ein menschliches Mass und ist überhaupt nicht mit dem Autowahnsinn westdeutscher, kriegszerstörter Städte, die der Wiederaufbau völlig zerrissen hat, zum Beispiel Kiel, zu vergleichen. Tapfer die Schwedter nach diesen schrecklichen Invasionen: Erst der dreissigjährige Krieg, dann die anderen und dann die Wende.

„Vergossenen Wein, den trinkt keiner mehr.
Ein verlornes Herz bleibt für immer leer.
Es ist nie zu spät, komm‘ entscheide dich:
Reich‘ ihr die Hand, Tränen lügen nicht.“

Hinüber über die Brücke, durch die Oderauen in Vogelparadiese. Helmut kurvt die Kurven so schön, besonders wenn er Zigaretten dreht und mit den Knieen steuert. Die Straßenoberflächen hier in Polen sind oft sehr brüchig um zu bewirken, dass man die Alleen besser geniessen kann. Sie leuchten dunkelgrün, weil den Bäumen unten rum nicht ständig die Zweige gekappt werden wie in Brandenburg. Wenn man für alles einen Grund braucht, gibt es anscheinend noch richtige Arbeit in dieser Gegend. Angekommen im Tal der Liebe, Naturpark Dolina Miłości: hier möchte ich bleiben, aber für immer, flüster ich vor mich hin. Na träum weiter kleiner Freund. Ach nein, das Lied geht ja: „…flieg nicht so hoch mein kleiner Freund“.

Jedenfalls: kleiner Freund.

In Polen ist an der Schnellstrasse mindestens so viel los wie in der Fußgängerzone von Eisenhüttenstadt (siehe morgen oder später).

Auf der schönen, breiten Autobahn, die sandig ist, weil sie keiner fegt, also alle Besseres zu tun haben oder das Abendlicht so satt und sanft scheint, sind ausser uns und anderen Wochenendmüden auch Radfahrer mit Angeln unterwegs. Golden leuchtende Wände aus gestapelten Honiggläsern entzücken am Rande. Eimer voller gelber Pfifferlinge bieten sich selber feil, oder sind Ergebnis des heissen Tages und die Pflücker warten neben ihnen auf ihre Fahrer? Man kann es nicht wissen. Auch nicht was all diese hübschen und hübsch angezogenen Mädchen und manche dreckigen Säufer heute Abend noch vorhaben. Jedenfalls balancieren sie in jedem Dorf herum, die Mädchen auf ihren schönen Beinen und die Säufer auf ihren Füssen und erzählen. Manchmal, an Ampeln, kommen ihre zischenden Worte in Fetzen durchs Fenster. Die Farben der Häuser sind pastellig. Häuser kriegen vom Geld verdienen aufgeregte Wangen. Wenn neue Läden darin sind, sind sie knallgrellorange oder Magentarot. Später, oder dahinter als wir auf der Fähre sind, fliegen schon wieder viele Möven die niemand je zu füttern scheint. Sie stürzen sich eben nicht auf die Fähren, so wie ich es von den Wegen zu meiner Oma auf der Insel gewohnt bin. Nein.

Ich denke an die Gänse in einem kleinen Dorf direkt an der Oder. Sie waren in so einem kleinen, schwarzen Viereck eingesperrt. Nur quer auf der anderen Seite der Strasse floss der schnelle Fluss. „Oh guck mal wie gemein! Die riechen ja das Wasser schon und können nicht hinein.“ sagt Helmut. Er hat ein Herz wie die Ostsee, mindestens so gross, vielleicht auch Atlantik. Die Fähre fährt durch wellenlose Brackwassersuppe, Sonne geht unter, dunkelrot, als würde sie damit Geld verdienen. Ich rieche schon das Meer. Wirklich viele Vögel unterwegs.

Weder im Atol, Artemis, Adonis, Nautilus noch in der Villa Roma oder Medusa und auch nicht bei Ana Lisa war ein Zimmer frei und wir fuhren leider immer weiter fort von der Promenade voller polnischer Familien in Badeklamotten mit aufblasbaren Plastiktieren und zwischen in Klappstühlen sitzenden deutschen Rentnern aus dem überfüllten Swinemünde, durch Kiefernwälder, an einer alten Zollstation, jetzt Nightclub vorbei, hinein in das dicke, fette Heringsdorf. Dort sieht es im Prinzip genauso aus, allerdings ist alles weisser, es gibt weniger Kinder und die Rentner scheinen westdeutsche Zahnärzte oder Juristen gewesen zu sein. Sie schaukeln ihre Hintern in Leinenhosen durch die Gegend und haben ihr Leben lang nur gegessen, was ihnen geschmeckt hat. H. schaukelt den Skoda mindestens ebenso wild herum. Tarzan vor dem Angriff der Tierfänger. Alles was ich gegessen habe sind zwei Tafeln Schokolade und das Meer kriegt man ja nicht zu sehen. Dazu müssten wir aus dem Auto steigen und weil es schon spät ist, ist es zu spät. Mir ist schlecht. Dann noch so ein Ritt durch die Nacht, ganz in der Nähe rauscht das Meer. Das ist Folter. Wie die Gänse.

Als wir ankamen in Anklam bin ich natürlich immer noch schweinemüde.

„Hier gibt es ein Hotel, das hat bestimmt was frei, ist gross“: sagt eine Frau mit Luftballon. Doch „hier“ ist alles wie der Parkplatz und der künstliche kleine Pool der mit einer gigantische Eisentreppe zum hinein steigen „völlig belegt“ ist.

Ich heule vor Müdigkeit und gebe H. die Schuld, als wäre er dazu gedacht für mich Chappi und Schlafplätze anzuzocken. Aber es gefällt ihm ja, er kümmert sich gern um andere, besonders Frauen. Er fährt auch toll Auto. „Sei mir aber nicht böse, dass wir kein Hotel finden…ja?“ …ich Jane, Radio, Karat:

„Manchmal greift man nach der ganzen Welt, 
manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt.

Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt, 
manchmal hasst man das, was man doch liebt.“

Bei einer Art sanierter Riesentankstelle oder auch frühere Schweinemast durch deren grosse Fenster neue (rote! ein Zeichen für Geld hier in der Gegend!) Schweineledersofas schimmern, steige ich aus um um Hilfe zu klingeln. „24 Stunden check in“ steht neben der „Nachtklingel. Es ist ein bisschen wie in Tegel (Knast). Der Vorraum hat zwei Türen, Gegensprechanlage und Kamera. Aus dem Lautsprecher kommt genervtes Ächzen, die Kamera zittert und zoomt zart hin und her wie eine Mücke. „Belegt“ das Schild kann ich erst jetzt sehen. Ich eine einsame Frau in der Nacht, schlabbriges, buntes Halstuch. Jedenfalls erscheint ein Typ im Bademantel, der sofort verschwindet als er H. einen Mann. sieht. Dass mir das in meinem Alter noch passiert ist irgendwie total dumm aber trostvoll. Wie blöd ich bin so müde. Sonst KungFu.

„Über sieben Brücken musst du gehn, 
sieben dunkle Jahre überstehn, 
siebenmal wirst du die Asche sein, 
aber einmal auch der helle Schein.“

Riesig rot leuchtet ein Wort durch die Nacht. Wir wachen wieder auf, kreischen als wär das der Leuchtturm im Sturm, verfahren uns in dunklen Einfamilienhaussiedlungen mit Bewegungsmeldern an den Lampen. Licht aus, Spot an, ja .. cruisen rum, mache es jetzt aber kurz, also: HOTEL mit Parkplatz, für Schwimmbad und Knutschen zu müde. Plopp. Nächster Tag: Der Auszubildende am Frühstücksbuffet heisst Bauer und wundert sich wahrscheinlich wie ich auch, wieso er hier jetzt für mich Eier brät. Besame… Besame mucho – (Küsse mich, küsse mich viel, der spanische Schlager „Besa me“. Wir haben in einer umgebauten Besamungsanstalt geschlafen. Was das ist wird mir erst durch Fotos von riesigen Bullen auf Holzgestellen hängend klar.

Eine junge, blonde Frau ist dort auch „eher rein zufällig hingeraten“, obwohl sie „nicht aus der Gastronomie kommt“. Mehrere männliche Bedienstete hängen zahlreich unter einem Schild auf Barhockern. „Mensch Kerstin, nu sach doch mal“…etc…

Auf dem Schild (Achtung! Schilder sind wichtige Zeichen um die Wirklichkeit zu erfassen! Ich vernachlässige das zu oft!) steht:

„Es ist verboten zu rauchen oder den Bullen beim Besamen durch lautes Lachen zu erschrecken.“ Ich fotografiere das Schild, Kerstin und mich gespiegelt darin „Ist irgendwie ja auch fies“ sag ich. Wir kichern. Dann gibt es noch ein Kugelzentrum,„das ist eine Klassenbezeichnung!“-„Aha“

Streichelzoo mit Lama, Minischienen, eine kleine Eisenbahn fährt darin, heute nicht. Alles menschenleer. Den Schäferhund, der böse bellt, wenn ich aber mit ihm spreche sofort sehnsüchtig mit dem Schwanz wedelt, würde ich gern mit zum Meer nehmen. Ach komm mit kleiner Freund! Die Pappeln klappern beim Rauschen. Ich könnte wieder weinen, wir sind ja auch nah am Wasser. Auf der Strasse Werbung für das Hotel:“Zum alten Schafsstall“. Wieso gibt es hier soviele Hotels aber keine Schlafplätze, gute Strassen, kleine Eisenbahnen, Lamas, gebratene Eier, keine Arbeit?

Wir fahren durch Alleen und verpennte kleine Dörfer. Alleen, Alleen, Birnen, Kirschen, Äpfel, Pappeln, Kastanien, Eichen, Ulmen, sogar dicke alte. – Helmut will jetzt das Zentrum finden.-

nach Löcknitz.

Der Turm mit den Fledermäusen, weltberühmtes Bollwerk und Fluchtstätte der Gegend. „Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurden Pommern und Brandenburg mehrfach von den verschiedenen Kriegsparteien wechselseitig besetzt, geplündert und verwüstet.- Pommern verlor während dieser Zeit etwa zwei Drittel seiner Bevölkerung, in Brandenburg lagen die Bevölkerungsverluste zwischen 40 und 75 Prozent.“ Wikipedia zu Löcknitz Jetzt ist der Turm berühmt für Fledermäuse und zwar alle möglichen Arten. Sie sehen gruselig und fremd aus, wie Vampire eben, dabei sind sie nun wirklich von hier. Auf ihm ist die Pommersche Fahne gehisst.

Im Kaffee „Traum“ daneben:

„Na, Paulchen was macht der Fisch?“

„Der schwimmt noch.“

„Angeln is doch Zeitverschwendung, sitzte bloss blöd rum.“

„Mensch Mandy… die Stille und so und was de dann so hörst, das de mal auf andre Gedanken kommst. Guck ich erzähl mal wat: Is Nacht ne. Ick sah Norbert, Norbert sah mich. Ich keen Biss, er keen Biss. So. Stunde um Stunde bis denn der Höps, der schreit, dass dat übern ganzen See schallt. So nachts, dat schallt ja. Da wusstens alle. Dat spricht sich rum.“

„Halt auf!“

„Dat Schwein, ich bring den um!“

„Lass den in Ruhe.“

„Na gut. Die Pointe is ja die vom dicken Höps und dem Alten mit dem Klumpfuss. der Deibel der.“

„Lass gut sein. Darüber wolln wir nicht mehr reden, wir habn alle Fehler gemacht.“

„Ich sag nur wies is, was soll man glauben.“

„Kraut, Frankieboy, Mandy, Nadine alle am Nacktbaden. Und der immer. Nee och, eklig. na ist vorbei. Zeit vergeht und Licht verbrennt.“

Wo wir sind, ist nicht mehr drauf. Auf der Karte.

Gartz das Ackerbürgermuseum

In Gartz ein übrig gebliebenes Bauwerk der ehemals wichtigen Stadt, die sich vom Dreissigjährigen Krieg nie wieder erholt hat. Ein Stadttor ohne Stadt. Darin ein kleines Museum. Auch hier wurde also gefoltert und vergewaltigt bis dreiviertel der Bevölkerung tot war. Auf ewig werden die Überlebenden in Fremden, Besetzer und Folterer vermuten. Die Frau vom kleinen Imbiss an der ehemaligen internationalen Furt oder Brücke weiss auf meine Badefrage… es ist so heiss …

„Da ist noch immer die gleiche Stelle hinter dem Sportplatz, aber es geht kaum jemand mehr.“

Ein Weg, genau wie Wege zur Badestelle aussehen. Der Boden in Ufernähe ist voller Schlamm und Schnecken. Das Wasser schmiegt sich durch die Strömung ganz eng um mich herum. Tauchen, gegenanschwimmen, sich abwärts treiben lassen. Gefasst, getragen werden. Wie ein grosses lebendiges Wesen ist so ein kühler, schöner Fluss.

Dreck egal. H. liest Strittmatter und wartet auf mich.

In Hohenwutzen steht eine alte Papierfabrik ein riesiger Bau. Die Nazis haben dort Dokumente herstellen lassen, dann wurde wahrscheinlich Klopapier gefertigt, jedenfalls Alles zerfallen. Auf den wunderschönen Ruinen der alten Fabrik steht in Leuchtschrift: „Oderzentrum“ geschrieben, wie am Einkaufszentrum in Schwedt. Hier ist es ein Budenmarkt, wie hinter allen Brücken zu Polen hin. Ich versuche einen neonfarbenen Pulli zu erstehen.

„Wieso ist es so leer?“

„So heiß, deutsche Leute gehen Wasser.“ Ach ich dachte es geht kaum jemand mehr zur alten Badestelle? Billig rumhängen kostet nur das Leben.

Der „Bahnhof nummer eins“ auf der deutschen Seite, ist ein Lokal so knallorange wie die Läden in Polen. Eisbein mit Schwabbel wird am Tisch nebenan serviert. – Es sieht sehr interessant aus, wie sich die einzelnen Muskeln vom Knochen lösen lassen. Ja und irgendwie menschlich dies Bein das vom Teller in die Abendluft ragt. Das sehr süsse Kind kaut längere Zeit auf so übrig gebliebenen, schwabbeligen Speckstück herum. Dann finden wir alle einen grossen Käfer und spielen ein bisschen mit ihm. Der kleine Junge gibt mir den schwarzen Käfer noch einmal zum Angucken in die Hand, bevor er ihn ins Gras setzt.

Es wird dunkel und einsam. Morgen ist Montag, ein paar Fernseher blinken durch die Nacht. Die Alleen machen Schatten wie gierige Finger mit krummen Ästen. Sie verfolgen, jagen uns durch den Oderbruch. Nächstes Mal nehm ich ein Zelt mit. Dann landen wir im Gasthaus Wagner in Golzow. Es gibt tolle, echt Golzower Wurst. Leider bin ich im „Bahnhof Nummer eins“ durch Bein essendes Kleinkind zur Vegetarierin geworden, aber ich rieche trotzdem mal dran. Im Badezimmer wimmelt es etwas und Helmut sagt: pass mal auf, tritt nicht auf die armen Käfer. Motten, Mücken, Nachtfalter, die Geräusche die sie machen begleiten meinen Traum. Blumen, Landschaften, Mädchen am Fluss im Abendlicht, wunderbare Originale: Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen prangen, ja das kann man sagen: sie prangen im ganzen Haus: Gasthaus Wagner. Der Künstler ist Golzower Brigadeführer der Maler und Anstreicher Brigade gewesen, er war auch Kunstmaler, ein toller Künstler und der Opa des Wirtes. In Golzow ist auf allen Strassen etwas mehr Leben es gibt eine wimmeligen Schulhof. Kleine, hopsige Schüler kicken.

Slubice/ Frankfurt Oder: Oh ja. Wie sehr mag ich Frankfurt! ich bin selbst völlig überrascht. Der Ort aus hässlichen Bauten wirkt so geschickt geschichtslos auf mich. Eine echte Stadt wo an jeder Ecke etwas ganz Fremdes passieren kann. Der perfekte Ort für nichts. Frei.

„Es schlägt ein brennendes Herz irgendwo in der Stadt- gefangen in der Einsamkeit verlorener Träume.

Irgendwo gar nicht weit…sucht es nach Geborgenheit.“

Helmut erzählt die Geschichte der Immobilienhaie aus Westberlin, die gleich nach der Wende durch einen Puppenmann der CDU die halbe Gegend erschachert haben. Im Helenesee kann man jetzt nur gegen Geld baden.

Wie ist es möglich einen See zu privatisieren? Kapitalismus. Wir fahren am Helenesee vorbei und ich versuche mir die Freiheit als Landschaft vorzustellen. Oder als Gemeinschaft. Im Kloster Neuzelle hat das vielleicht auch schon jemand versucht. Ich weiss es nicht. Eine Ladenkette heisst „Bei der heiligen Schwester“

Die Innenstadt von Eisenhüttenstadt wirkt futuristisch aber: jeder „wohnt im Denkmal“ schreibt die städtische Hausverwaltung. Gute Architektur ist zeitlos. Alles erinnert an Neuanfang, was für eine lichte Stimmung nach dem langen schrecklichen Krieg gibt es junge leute mit Kinderwägen, eine Bücherei wird gebaut… Neben uns im Cafe (rot), Erdbeerkuchen (rot, ist der Hit), sitzen zwei ungewöhnlich schöne Handwerker mit spitzen Nasen, die sich von einer Discoprügelei in die ihre alten Kumpels: Leider immer noch Nazis, sich und andere Menschen sinnlos verwickelten, erzählen. Zeit haben die Schönen wie Heu sie essen noch ein Stück Kuchen mit Sahne. so kann das ja nichts werden. Sozialismus bitte, komm doch wieder und schaff Ordnung! Mit diesem Aufbauwillen der Nachkriegszeit. Ach Freunde… gehen wir hier zusammen in die Disco und warten auf die Folgen des Krieges.

“Manchmal geh ich meine Straßen ohne Blick, 
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.

Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh, 
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu.“

Plastineur, Eine Strasse voller alter kaputter Villen, die Hälfte der Schuppen hat Schilder und irgendetwas mit Suchthilfe zu tun, die andere mit dem Plastinarium. Guben/Gubin.

Dieser Leichenfledderer Gunther Hagen beruft sich doch tatsächlich auf die „im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit“. Kommt mir eher vor wie ein von perversen Nazisadisten konzipiertes KZ Museum das Ganze. Was hat sinnlose „Leichenschändung mit Wissenschaft zu tun?

„Fragen, Fragen, immer nur Fragen, willst du die Antwort da kann ich nur sagen: DA musst du jemand anders fragen.“ Pu er Bär

Wie im Märchen „vom Teufel mit den drei goldenen Haaren“ der Teufel, kann ich jetzt endlich murmeln: Ich rieche, rieche Menschenfleisch.

„Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß, 
manchmal weiß ich nicht mehr, was ich weiß.

Manchmal bin ich schon am Morgen müd 
und dann such ich Trost in einem Lied.“

Wir gehen wieder über eine Brücke nach Gubin. Alles ist wieder ein bisschen schrottiger und lebendiger in Polen.

„Komm! Frau! hier! kauf!“

Hätte so gern ein paar leckere Himbeeren mitgenommen, oder Pfifferlinge. Goldener Honig. Ich war einfach zu schüchtern etwas zu kaufen.

Forst

Ausziehen und ab in die Neisseaue. Oder in der Oder? Oder in der alten Oder? Das Flussbett ist breit und trocken, voller hoher Kräuter und Schmetterlinge. Das verbliebene Wasser fliesst hier schneller als in Gaartz, weil schmal und mäandernd. Warum entstehen in einem Fluss welche Geraden und Kurven? Warum sind sie an manchen Stellen tief, an anderen breit und flach?Ich treibe. Man kann das ausrechnen. Es gibt eine Rennfahrer und eine Geschossperspektive. Alle Flüsse fliessen ins Meer. „Die Oder, im Verlauf ein System zwischen Sumpf und Überschwemmung.“

„Über sieben Brücken musst du gehen. Sieben dunkle Jahre überstehn, Sieben Mal musst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.“

Das flitzt so vorbei, glitzert und lässt meine Flussbette aus dem Kopf mäandern. und ist Licht auf den Blättern der kleinen Buchen, die zwischen den hohen, glatten Kiefernstämmen stehen. Wie kommt es, dass man überhaupt räumlich sehen kann? und dass es so eine Lust oder auch Luft bereitet sich all diese Form und sich selbst mitten darin bewegt vorzustellen? In all diesen Schleifen und Formen? Wenn man Filme sieht, entstehen dadurch ja auch räumliche Gefühle, Schwindel z.b., dabei ist ganz klar, dass es sich um zweidimensionale bewegte Bilder. Es ist die Erinnerung, die die Räume baut? Aber das Glitzern der Blätter und dies gleichzeitige Erfassen ihrer Form und ihrer Ausbreitung? „Materie und Gedächtnis“. Es hat etwas damit zu tun, wie der Körper im Fluss leichter wird. Ich möchte eigentlich weiter forschen und wieder baden gehen, aber Helmut möchte auch forschen und anders. Er will nach Neu Horno, weil er dort alle kennt. Hat auch über das alte Dorf Horno geschrieben: über den Widerstand der Leute von Horno gegen Vattenfall und den Tagebau der Braunkohle.

Na gut.

In Neu Horno sieht es aus, wie es immer in neuen Siedlungen aussieht. Und kein einziges Kind spielt auf dem Metallspielplatzgerippe. Es ist auch zu heiß. Grosse Bäume mit schattigen Cafes unter ihnen gibt es noch nicht. Sowie in Muskau wo die grössten Bäume stehen, die ich je gesehen. Fürst Pückler muss ziemlich heiß gewesen sein. Er verbrachte mit 22 wohl aus einem romantischen Anfall heraus ganz allein eine Nacht in der Familiengruft. Es gibt einen Text von ihm selbst dazu.

„… im zweiten Sarg unter goldbestickten Lumpen streckt sich ein langes Gerippe hin, das eines Feldobristen, der im Dreißigjährigem Krieg unter Pappenheim gegen die Schwedter zu Felde gezogen ist. Woher die eisige Angst vor dem was einst leben hatte und uns wieder erscheint ohne Fleisch und Bein- Wenn man jung ist, will man alle Angst besiegen.“

Auch das echte Fürst Pückler Eis ist wirklich lecker, ich werds demnächst mal aus dem Buch: „Der grüne Fürst“ nachfrieren.

Künstlerhippiehs oder ehemalige Baustudenten haben mitten in einer völlig öden Gegend, einen anderen Park, eine Art Computerspiel zum Begehen aufgebaut. Mit Ebenen, Trollen, Monstern, Strickleitern, Riemensandalen, einem Kamel und Stampftanzen im feministischen Mittelalterrundbau. Ein paar Kinder gehen zum Kamel, der einzigen Person, der die Hitze gefällt. Wer in diesem Hippieharreal real aufwächst, hat bestimmt sein Leben lang Sehnsucht nach rechtem Winkeln.

In Herrnhut war Fürst Pückler als Kind Vier lange Jahre im Internat einkaserniert. Ausgeliefert einer unberechenbaren Herrschsucht voller Willkür und Brutalität. Er beschreibt diese als grauenvoll.

Bautzen. Von weitem sieht der Tafelberg aus wie ein Vulkan mit dem Gefängnis als heisse Lava, das sollte wohl der Abschreckung dienen. Ein Schandblock. Oder eine Krone.

„Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn, 
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn.

Manchmal ist man wie vom Fernweh krank, 
manchmal sitzt man still auf einer Bank.“

Und Nochmal:

„Über sieben Brücken musst du gehen. Sieben dunkle Jahre überstehn, Sieben Mal musst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.“

In Görlitz unter dem Dom, mit Blick auf das andere Ufer sitzt ein schöner Mensch.

Ein junger Landstreicher mit Gitarre meditiert über den Fluss in den Himmel. „Es gibt dich wirklich?“ frage ich ihn, du siehst aus wie aus einer deutschen Novelle. Er guckt verwirrt. Dann mache ich ein Foto. Es ist echt Schade für wie abbildbar man die Welt seit Neuestem hält, nur weil es soviele Fotoapparate gibt.

Wir sitzen dann auf dem anderen Ufer von Görlitz, also in Polen und gucken wieder über den immer gleichen und immer anderen Fluss die nagelneue Brücke nach drüben zum Dom wieder hinauf, wo der junge Wanderer mit seinem Weintetrapack sitzt. Erst sieht das helle Flackern während der Dämmerung aus wie ein Feuerwerk über der Stadt, dann kommt der Wind, dann Regen und viel Rosa mit Krachen. Während wir übers Mittelalterpflaster klatschnass, barfuss zurück zum Auto rennen, wird eine Braut in einem weissen Kleid das sie zu einem Schwan machen soll …und das Kleid schafft das!… wie eine Pusteblume verweht. Sie versteckt sich so schnell, wie eine optische Täuschung. Auf der Araltankstelle zieht Helmut im dunkelblauen Licht den pattschnassen Anzug von sich ab und seinen gestreiften, neuen Anzug an. Dann krempelt er die Ärmel hoch.

„Wie sieht das aus?“

„Cool. So als könntest du dazu farbige Schuhe und ein rosa Hemd tragen. Natürliche Eleganz.“

„Du meinst meine Zahnlücke passt dazu?“

„Ja schick die Zahnlücke!“

Helmut sagt zu Görlitz so ungefähr: Diese wunderschöne barocke, fast italienische Altstadt, in der jetzt alles durchrenoviert und teuer wird. All die neuen, alten, reichen Leute, die sich da einkaufen und drum herum die Plattenbauten voller alter, junger Neonazis. Und sie haben ja auch irgendwie recht. Punkt.

Komma rüber. Komma kommt gleich.

„Zwei Zigeuner in der Nacht,
singen zur Gitarre,
spielen meine Sehnsucht wach.
Wo sind all die Jahre? 
Zu dem Lied aus alter Zeit 
rauschen leis’ die Bäume
Und ich seh unendlich weit
Längst verlor’ne Träume.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.